Wie narzisstische Menschen wirklich ticken

Veröffentlicht vom: 31/03/2015 10:55 CEST Aktualisiert: 31/05/2015 11:12 CEST -

Thematisiert:

1.   Gefangen im fremden Selbst
2.    Ideenklau
3.    Die narzisstische Wunde
4.    »Ich will, dass sie mich lieben«

Gefangen im fremden Selbst

Es sind nicht nur die materiellen, kognitiven und sozialen Verfügbarkeiten, die Macht geben, sondern auch seelische »Manöver«, die willentlich oder unwillentlich eingesetzt werden, um andere Menschen zu manipulieren. Das, was narzisstische Menschen tun, um Macht über den anderen zu bekommen, lässt sich anhand des Konzepts des »expanded self« beschreiben.

Dieser Begriff stammt von Frank Petermann und bedeutet »ausgedehntes Selbst«. Das expanded self beschreibt eine »vereinnahmende innere Haltung« der Umwelt gegenüber, bei der der andere seines Selbst beraubt wird und die der Erweiterung des eigenen Selbst dient. Der andere wird sozusagen einverleibt und zu einem Teil von einem selbst.

Auf diese Weise zwingt der narzisstische Mensch dem anderen seine Definition auf. Das bedeutet, er wird so, wie ihn der narzisstische Mensch sieht und haben will. In der Regel entweder idealisiert, »Du bist die beste Mitarbeiterin, die ich je hatte«, oder abgewertet, »Du taugst nichts«. Je nach der Definition, die die Person erhält, wird sie sich fühlen und verhalten. Ein eher selbstunsicherer Mensch wird sich durch die Idealisierung im Höhenflug befinden und sein narzisstisches Gegenüber dafür lieben und ihm bedingungslos folgen. Durch die Abwertung wird er total verunsichert und am Boden zerstört sein und sich unterwüfig anpassen, um doch noch Anerkennung zu bekommen. Er wird zu einer Marionette in den Händen des narzisstischen Menschen, der auf diese Weise das autonome, selbstbestimmte Verhalten des anderen unterbindet. Das reduziert seine Angst und stärkt seine Überlegenheit.

Ideenklau

Mit dem expanded self erklärt sich nicht nur die psychologische Macht, sondern auch das Phänomen narzisstischer Menschen, sich mit Ideen, Gedanken und Leistungen anderer zu schmücken. Sie geben sie als ihre aus, obwohl ein anderer der Urheber ist. Indem sie ihr Selbst über den anderen ausdehnen, machen sie ihn zu einem Teil von sich, und damit auch das, was der andere sagt und tut. Nicht das getrennte Gegenüber mit eigenen Impulsen, Gefühlen und Bedürfnissen wird gesehen, sondern es wird einverleibt. Es geht also nicht um den anderen, sondern um einen selbst. Das expanded self, die Ausdehnung des eigenen Selbst auf den anderen, ist sozusagen der Mechanismus fürr die eigene Selbstbezogenheit.

Das heißt, der narzisstische Mensch bezieht alles auf sich und meint, der Urheber dessen zu sein, was er im Außen, beim anderen, erlebt. Das kann so weit gehen, dass alles, was der andere sagt, so umdefiniert wird, als seien es die eigenen Gedanken. Auch die Handlungen des anderen werden durch das expanded self so erlebt, als seien sie eigentlich die Folge eigener Intentionen.

Auf diese Weise wird der Erfolg des Mitarbeiters zum Sieg des Vorgesetzten umdefiniert. Aber auch umgekehrt wird das Versagen des anderen zum eigenen Versagen oder man selbst wird zum Urheber eines Unglücks, mit dem man im Grunde nichts zu tun hat. Die Macht desjenigen, der aktiv ein expanded self mit dem anderen herstellt, liegt in der Möglichkeit, sich selbst und den anderen zu definieren und die Beziehung nach den eigenen Regeln zu gestalten. Der Definierte ist dabei der passive Teil, der sich unterwirft, die Definition des anderen annimmt und sich danach verhält.

Die narzisstische Wunde

Die Grunderfahrung narzisstischer Menschen ist, nie als die Person wahrgenommen und akzeptiert worden zu sein, die sie sind, sondern immer anders sein zu müssen, um die Liebe der anderen nicht zu verlieren. Daraus erwächst zum einen das Gefühl, alleingelassen und missverstanden zu werden, und zum anderen der tiefe Wunsch, endlich als sie selbst gesehen und angenommen zu werden. Doch genau davor haben sie auch große Angst, weil sie glauben, nicht gut genug oder nicht richtig zu sein.
»Damit sich ein Gefühl der Identität entwickeln kann, bedarf es eines Gegenübers, das durch Liebe und Anerkennung das Selbstgefühl bestätigt oder überhaupt erst konstituiert.« Genau diese Erfahrung haben narzisstische Menschen nicht gemacht, ihnen fehlt die Erfahrung, die man in der Psychologie Spiegelung nennt: Von der Umwelt gesehen, verstanden und ernst genommen werden.

Der Psychologe Donald Winnicott beschreibt in einem Bild, was damit gemeint ist: »Die Mutter schaut das Baby an, das sie im Arm hält, das Baby schaut in das Antlitz der Mutter und findet sich selbst darin... vorausgesetzt, dass die Mutter wirklich das kleine einmalige, hilflose Wesen anschaut und nicht ihre eigenen Introjekte, auch nicht ihre Erwartungen, Ängste, Pläne, die sie für das Kind schmiedet, auf das Kind projiziert. Im letzteren Fall findet das Kind im Antlitz der Mutter nicht sich selbst, sondern die Not der Mutter. Es selbst bleibt ohne Spiegel und wird in seinem ganzen späteren Leben vergeblich diesen Spiegel suchen.«

Und weiter ......



weiter ...... Säuglinge und kleine Kinder gehen offen und interessiert auf die Umwelt zu und sind existenziell darauf angewiesen, gespiegelt und beantwortet zu werden, um ein Selbst und Selbstbewusstsein auszubilden. Selbstvertrauen entsteht über Anerkennung und Akzeptanz. Zuneigung und Interesse für andere entwickelt sich durch das Interesse und die liebevollen Reaktionen auf einen selbst. Im Märchen Schneewittchen, das eine Metapher für den weiblichen Narzissmus darstellt, sagt die Königin: »Ach, hätt' ich doch ein Kind, so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz.« Das bedeutet, dass von dem Kind bereits ein Bild gezeichnet ist, bevor es überhaupt gezeugt ist. Doch was passiert, wenn das Kind nicht schwarz-weiß-rot sondern grün-gelb kariert auf die Welt kommt? Reagiert die Umwelt mit Interesse und Zuneigung, dann kann das Kind sich so entwickeln, wie es ist, und seine authentische Identität ausbilden. Fordert die Umwelt aber die Anpassung an das schwarz-weiß-rote Bild, dann muss es sein grün-gelbes Wesen verleugnen und sich eine schwarz-weiß-rote Maske aufsetzen. Diese Person wird ihr ganzes Leben lang befürchten, dass jemand das Grün-Gelb sehen könnte und sie dann die Liebe und Zuneigung verliert, wie es in der Kindheit war.

Dieser Mechanismus ist unter dem Begriff der narzisstischen Ausbeutung bekannt. Das Kind soll eine bestimmte Rolle einnehmen, um das narzisstische Defizit der Bezugspersonen auszufu¨llen. »Sei so, wie ich dich brauche, dann liebe ich dich.« Der Preis für Liebe ist hoch, nämlich die Aufgabe der eigenen Identität. Das Kind entwickelt die Grundüberzeugung: »Bin ich so, wie ich bin, verliere ich die Zuneigung. Nur wenn ich so bin, wie die anderen mich haben wollen, werde ich geliebt und beachtet.« Diese Menschen sind ein Leben lang nicht mit ihrem wahren Selbst in Kontakt, sondern immer nur mit ihren Vorstellungen davon, wie sie zu sein haben, um für andere liebenswert zu sein. Kein Wunder also, dass narzisstische Erwachsene permanent nach Bestätigung und Anerkennung von außen suchen, denn das ist zum einen die einzige Quelle für ihren Selbstwert, zum anderen aber auch die Möglichkeit, dazuzugehören und ernst genommen zu werden.

Und weiter ......



weiter..... Und wie bekommt man Bestätigung und Anerkennung besser als u¨ber Leistung, Erfolg, Karriere und Geld? Die meisten haben dieses Prinzip schon sehr früh verinnerlicht, weil sie entweder in einer leistungsorientierten Familie groß wurden, in der sie nur über gute Noten Anerkennung bekamen, oder sie haben sich aus einem unterprivilegierten Milieu hochgearbeitet, um nicht dasselbe Schicksal zu erleiden wie die Eltern. Wer genug Motivation und Intelligenz besitzt und das Glück hat, einen Mentor zu finden, der den Weg nach oben unterstützt, kann es schaffen, aus einer niederen Herkunft in die ho¨chsten Fu¨hrungsebenen zu kommen. Er wird alles tun, um dort zu bleiben, und mitunter verachtend auf seine Familie herabschauen und auf die, die es nicht geschafft haben.

»Ich will, dass sie mich lieben«

Auf die Frage des Interviewers: »Was ist Ihnen lieber, wenn die Leute Sie fürchten oder verehren?« antwortete der Maler Markus Lüpertz: »Ich will, dass sie mich lieben.« Und das bedeutet für ihn, dass sie ihn verehren, vergöttern und glauben, was er sagt.

Selten formuliert es jemand so offen und ehrlich, auch wenn es etwas anmaßend klingt. Doch als Gegenwartskünstler mit seinem Ruf und seiner Position kann er es sich leisten. Er gilt als Malerfürst, Genie, Geck und Poseur, ist Professor, Doktor, Rektor und Senator. Am liebsten würde er mit Meister angeredet werden, wird aber immer als Magnifizenz Prof. Dr. Markus Lüpertz vorgestellt. Der Wunsch narzisstischer Menschen, von allen geliebt zu werden, entspringt ihrer Unsicherheit über ihren Wert. Denn durch die narzisstische Ausbeutung und die Anpassung an ein Bild fehlt ihnen die nötige Spiegelung, die dem Menschen Bestätigung und eine existenzielle Basis gibt.


weiter.....Wer in der Kindheit wenig oder gar nicht gespiegelt wird, entwickelt ein permanentes Verlangen nach ständiger Bewunderung und das Gefühl, ohne diese nicht leben zu können. Sie streben daher unermüdlich danach, gut auszusehen, körperlich topfit zu sein und viel zu leisten. Das Dilemma liegt jedoch darin, dass sie vom Erreichen dieser Ziele abhängig sind, um sich gut zu fühlen bzw. eine Existenzberechtigung zu erhalten. Es ist sozusagen ihre Lebensbasis, schön, erfolgreich und bewundernswert zu sein. Sie streben immer danach, ein positives Echo zu erhalten. Im Grunde tun sie die wenigsten Dinge für sich, weil sie ihnen Spaß machen oder guttun, sondern sie tun das meiste, um anderen zu gefallen.

Die Suche nach Liebe ist ein elementares menschliches Bedürfnis, denn ohne Liebe und Zuneigung können wir nicht leben, höchstens überleben. Doch bedeutet Liebe wirklich, verehrt und vergöttert zu werden? Fordert Liebe, anderen permanent gefallen zu müssen? Ist es nicht eher Bewunderung, die sie suchen, als Liebe?

Nach Alice Miller verwechseln narzisstische Menschen fälschlicherweise Liebe mit Bewunderung. Bewunderung ist an bestimmte Merkmale und Fähigkeiten gebunden, Liebe dagegen richtet sich auf den ganzen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen. Bewunderung bleibt daher eine Ersatzbefriedigung für den eigentlichen, nie erfüllten Wunsch nach Achtung, Annahme und Liebe. Kohut beschreibt es folgendermaßen: »Die unerfüllten narzisstischen Bedürfnisse (nach Spiegelung, Anerkennung, Wertschätzung, Schutz, Sicherheit, (Ur)Vertrauen, Orientierung, Verfügbarkeit, Zugehörigkeit, Autarkie- und Dominanzstreben etc.) aus der Kindheit des Patienten, mit denen er in Berührung kommt, die er akzeptieren und äußern muss, liegen tief unter einer lautstarken Selbstsicherheit vergraben und sind von einer Mauer aus Scham und Verletzbarkeit umgeben«. Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch: "Blender im Job. Vom klugen Umgang mit narzisstischen Chefs, Kollegen und Mitarbeitern" von Bärbel Wardetzki, 194 Seiten | gebunden mit Schutzumschlag | ISBN 978-3-95803-000-8, € 19,99 (D) | € 20,60 (A) | CHF 28,90 (UVP)

public. 01.02.2016 Seite 1-6 © D.H.